* 12 *

Ein paar Kilometer stromabwärts segelte die Muriel, und Nicko war in seinem Element. Er stand am Ruder des kleinen überfüllten Bootes und steuerte es geschickt durch die Fahrrinne, die sich in der Flussmitte wand, wo das Wasser tiefer und die Strömung stärker war. Die Ebbe hatte eingesetzt und zog sie flussabwärts. Der Wind hatte zugenommen und das Wasser so aufgewühlt, dass die Muriel förmlich über die Wellen hüpfte.
Der Vollmond stieg hoch in den Himmel, warf ein klares silbernes Licht über den Fluss und leuchtete ihnen. Zum Meer hin wurde der Fluss immer breiter, und wenn sie sich umsahen, bemerkten sie, dass die flachen Ufer mit den überhängenden Bäumen und vereinzelten Hütten immer weiter zurückwichen. Stille legte sich über das Boot. Seine Insassen kamen sich bedrückend klein vor auf dieser großen Wasserfläche. Und Marcia wurde furchtbar seekrank.
Jenna saß an Deck und hielt, an die Bootswand gelehnt, für Nicko ein Tau in der Hand. Das Tau war an dem kleinen dreieckigen Segel im Bug befestigt, das sich im Wind blähte, und Jenna hatte alle Mühe, es festzuhalten. Ihre Finger waren schon ganz steif und taub, doch sie wagte nicht loszulassen. Mit Nicko war nicht zu spaßen, wenn er das Kommando über ein Boot hatte.
Der Wind war kühl, und obwohl sie den dicken Pullover, die große Schaffelljacke und den kratzigen Wollhut trug, den Silas für sie in Sallys Kleiderschrank gefunden hatte, zitterte sie in der Kälte, die vom Wasser aufstieg.
Neben ihr lag Junge 412. Nachdem er von Jenna ins Boot gezogen worden war, hatte er sich in sein Schicksal ergeben und den Widerstand gegen die Zauberer und die seltsamen Kinder aufgegeben. Und als die Muriel um den Rabenstein herumgesegelt war und er die Burg nicht mehr sehen konnte, hatte er sich einfach neben Jenna zusammengerollt und war eingeschlafen. Nun, da die Muriel in raueres Wasser gelangte und schaukelte, schlug sein Kopf immer wieder gegen den Mast, und so zog ihn Jenna sanft zur Seite und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Sie betrachtete sein schmales, abgehärmtes Gesicht, das fast ganz unter seinem roten Filzhut verschwand. Sie fand, dass er im Schlaf viel glücklicher aussah, als wenn er wach war. Dann musste sie an Sally denken.
Sie hatte Sally sehr gern. Sally hatte immer etwas zu erzählen und machte was los. Das gefiel ihr. Wenn sie zu Besuch kam, brachte sie immer aufregende Geschichten über die Leute in der Burg mit, die Jenna für ihr Leben gern hörte.
»Hoffentlich geht es Sally gut«, sagte Jenna leise und lauschte dem gleichmäßigen Knarren und sanften Zischen des kleinen Boots, das zielstrebig durchs glitzernde schwarze Wasser glitt.
»Wollen es hoffen, mein Schatz«, sagte Silas, der tief in Gedanken war.
Seit das Schloss außer Sicht war, hatte auch Silas Zeit zum Nachdenken. Und nachdem er an Sarah und die Jungen gedacht hatte, die hoffentlich wohlbehalten in Galens Baumhaus im Wald angekommen waren, musste auch er an Sally denken, und dabei überkam ihn ein ungutes Gefühl.
»Es geht ihr gut«, sagte Marcia mit kränklicher Stimme. Ihr war speiübel.
»Das ist wieder mal typisch für dich, Marcia«, raunzte Silas sie an. »Jetzt, wo du Außergewöhnliche Zauberin bist, nimmst du dir von den Menschen einfach, was du willst, und verschwendest keinen Gedanken mehr an sie. Du lebst einfach nicht mehr in der wirklichen Welt. Im Unterschied zu uns Gewöhnlichen Zauberern. Wir wissen noch, was es heißt, in Gefahr zu sein.«
»Die Muriel läuft prächtig«, rief Nicko fröhlich, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Er konnte es nicht leiden, wenn sich Silas über das Los der Gewöhnlichen Zauberer ereiferte. Er fand, dass es ein ziemlich guter Beruf war. Er selbst hatte zwar keine Lust, einer zu werden, denn man musste zu viele Bücher lesen und hatte kaum Zeit zum Segeln, doch respektabel war dieser Beruf allemal. Und wer wollte schon Außergewöhnlicher Zauberer werden? Die meiste Zeit hockte man in diesem komischen Turm, und wenn man mal unter die Leute ging, wurde man angegafft. Nein, das wäre nichts für ihn.
Marcia seufzte. »Ich habe ihr den Platintalisman von meinem Gürtel gegeben«, sagte sie langsam und heftete den Blick auf das ferne Ufer. »Ich könnte mir vorstellen, dass er ihr eine Hilfe ist.«
»Wie? Du hast Sally einen von deinen Glücksbringern gegeben?«, wunderte sich Silas. »Dein Amulett? War das nicht etwas riskant? Du könntest es noch brauchen.«
»Das Amulett ist dazu da, dass es benutzt wird, wenn die Not groß ist. Sally will zu Sarah und Galen. Den beiden könnte es auch gute Dienste leisten. Ich glaube, ich muss mich übergeben.«
Eine peinliche Stille folgte.
»Die Muriel läuft wirklich wunderbar, Nicko«, sagte Silas einige Zeit später. »Du bist ein guter Seemann.«
»Danke, Dad«, sagte Nicko und strahlte übers ganze Gesicht, wie immer, wenn ein Boot gut im Wasser lag. Er steuerte die Muriel gekonnt und stimmte den Zug an der Ruderpinne so gut auf den Winddruck in den Segeln ab, dass das kleine Boot pfeifend die Wellen durchschnitt.
»Sind das die Marram-Marschen, Dad?«, fragte Nicko nach einer Weile und deutete auf das entfernte Ufer zu ihrer Linken. Die Landschaft um sie herum hatte sich verändert. Die Muriel segelte nun inmitten einer ausgedehnten Wasserfläche, und in der Ferne sah Nicko einen flachen, schneebedeckten Uferstreifen im Mondlicht glitzern.
Silas spähte übers Wasser. »Vielleicht solltest du mehr in diese Richtung segeln, Nicko«, schlug er vor und winkte ungefähr in die Richtung, in die Nicko zeigte. »Dann können wir nach dem Deppen Ditch Ausschau halten. Den müssen wir nämlich nehmen.«
Silas konnte nur hoffen, dass er die Einfahrt zum Deppen Ditch wieder erkannte. Das war der Kanal, der zur Hüterhütte führte, in der Tante Zelda wohnte. Sein letzter Besuch bei Tante Zelda lag lange zurück, und für ihn sah das Marschland überall gleich aus.
Nicko hatte soeben den Kurs geändert und steuert in die Richtung, in die Silas winkte, als ein heller Lichtstrahl die Dunkelheit hinter ihnen durchschnitt.
Es war der Suchscheinwerfer des Schnellboots.